...und was Dogfishing über Dating heute sagt

Es beginnt meistens so:

„Oh, wie süß.“

„Wie alt?“

„Mädchen oder Junge?“

Eine dieser Fragen, die heute schneller Gespräche starten können als jede Dating-App. Der Hund an der Leine ist Smalltalk ohne Risiko. Niemand muss besonders kreativ sein, niemand wird direkt abgelehnt. Man redet über den Hund – und plötzlich auch über alles andere. Wenn man will. Sonst sagt man halt: „Ich muss schon wieder weiter, ciao!“

Der Dogpark ist einer der wenigen Orte, an denen Fremde noch nüchtern und ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen.

Was dabei leicht übersehen wird: Der Hund ist mehr als ein Eisbrecher.

Er ist Beziehungssignal, Sicherheitsfaktor – und irgendwie auch Charaktertest.

Wie aus dem Arbeitstier der Schoßhund wurde

Hunde wurden seit Jahrtausenden für konkrete Zwecke gezüchtet – zum Jagen, Hüten, Bewachen; schon in der Antike unterscheidet man verschiedene Typen. In Europa nimmt diese Spezialisierung im Mittelalter deutlich Fahrt auf. Und dann passiert etwas: Spätestens ab dem 16. Jahrhundert tauchen kleine Begleithunde in Porträts als Status- und Nähe-Symbol auf – lange bevor sie im 18. und 19. Jahrhundert zum festen Accessoire bürgerlich-aristokratischer Weiblichkeit werden.

Allein unterwegs zu sein galt damals nicht als positiv selbstbestimmt, sondern als riskant. Begleitung bedeutete Schutz – und Kontrolle zugleich. Der Hund ersetzte keine Anstandsdame, aber er signalisierte: Ich bin eingebettet. Ich gehöre zu einer Ordnung.

Der Hund war nicht nur Kuscheltier. Er war ein sozialer Marker.

Nähe zeigen, ohne verfügbar zu sein

Auf alten Porträts sitzen Lapdogs auffallend nah am Körper ihrer Besitzerinnen – wie Accessoires aus Fell. Sie standen für Treue, Häuslichkeit und moralische Ordnung (Wikipedia: Cultural depictions of dogs).

Literaturwissenschaftlich gelten sie als „soziale Begleiter“, die Nähe erlaubten, ohne Offenheit zu signalisieren (Bowers, The Lap of Luxury). Der Hund sagte damals aber nicht: "Sprich mich an." Sondern eher etwas wie: "Ich bin in Begleitung"

Dass das irritierte, zeigen zeitgenössische Satiren, die Schoßhunde als Symbol weiblicher Überemotionalität verspotteten (Pet Histories Blog, 2019). Die Kritik richtete sich weniger gegen Tiere – als gegen Frauen, die ihre Aufmerksamkeit nicht nur Mann, Kindern und dem Haushalt widmeten.

Heute: Nähe auf Augenhöhe

Heute ist das alles komplexer. Menschen mit Hund werden häufiger angesprochen, freundlicher wahrgenommen und schneller in Gespräche verwickelt (Wells, 2004). Der Hund kann Nähe erleichtern – unverfänglich, weich, ohne Risiko.

Vielleicht funktioniert das so gut, weil Nähe sonst oft kompliziert scheint.

Der Hund macht sie wieder leicht. Aber er ist längst nicht nur Einladung.

Für viele – besonders für Frauen – ist der Hund weiterhin ganz bewusst auch Distanzhalter. Große Hunde schaffen Präsenz, Respekt, Raum. Sie signalisieren: Wenn du meine Grenzen nicht respektierst, wirst du seine respektieren.

Abenteurerin Ewa Zubeck mit ihrem Schutzhund Vilk. Ein Instagram Account der übrigens sehr folgenswert ist. https://www.instagram.com/reel/DUdyk0EDHo2/?utm_source=ig_web_copy_link

Der Hund als Charaktertest und meine

Top 05 Redflags - Dating mit Hund

Studien zeigen: Besonders Männer mit Hund wirken vertrauenswürdiger und beziehungsorientierter (Tifferet et al., 2013). Unser Gehirn zieht schnelle Schlüsse: Wer Verantwortung für ein Tier übernimmt, könnte auch Verantwortung in Beziehungen tragen.

Aber nicht so schnell. Ja, der Hund spiegelt oft seinen Halter oder seine Halterin – doch man muss die Zeichen auch lesen können.

Hier sind meine persönlichen Top 5 Red Flags (und was sie über Menschen verraten):

01 – Ein verängstigter, perfekt abgerichteter Hund

Wirkt auf den ersten Blick „brav“, ist aber oft ein Zeichen von Druck statt Beziehung.

Run, girl, run.

02 – Ein Hund, der völlig ignoriert wird

Er hört nicht – und es scheint niemanden zu interessieren, weil der Blick permanent am Handy klebt.

Zero Präsenz, zero Engagement. Ich sehe schon die später nicht stattfindende Beziehungsarbeit.

03 – Der nicht weggeräumte Hundehaufen

Klingt banal, sagt aber viel: Menschen, die glauben, für sie gelten andere Regeln.

Doppelstandard-Alarm.

04 – Kupierte Ohren oder Rute

Braucht eigentlich keine Erklärung.

Einziger Weg aus der Red-Flag-Zone: Du hast den Hund aus schlechter Haltung gerettet.

(Gilt für mich ähnlich bei Qualzuchten.)

05 – Er mag keine Hunde?

Sorry, aber das ist ja wohl kein Match. Byeee.

06– Zuchthunde

Nicht meine persönliche Red Flag – aber ich verstehe jede*n, für die oder den es eine ist.

Als Allergikerin weiß ich, dass nicht jede Adoption möglich ist.

Trotzdem bleibt bei der aktuellen Lage heimatloser Hunde: Adopt, don’t shop für viele der ethischere Weg.

 

Und genauso wichtig: meine

Top 5 Green Flags - 

01 – Grenzen werden respektiert

Wenn er seinen Hund zurückhält, sobald du sagst: „Bitte Abstand.“

Nicht diskutiert, nicht belächelt – einfach respektiert.

02 – Geduld im Training

Kein Anschreien, kein Ziehen, kein Dominanzgehabe.

Stattdessen Ruhe, Konsequenz und echtes Interesse daran, dass der Hund versteht – nicht funktioniert.

03 – Ein glücklicher Hund

Wenn der Hund ihn sichtbar vergöttert, aufmerksam ist, fit und fröhlich wirkt.

Kurz: Wer so begrüßt wird, macht etwas richtig.

(Who’s a good girl? – genau.)

04 – Kleine Manieren, große Wirkung

Ein reflexhaftes „Gesundheit“, wenn dein Hund niest.

Klingt banal – zeigt aber Aufmerksamkeit, Empathie und soziale Feinfühligkeit.

05 – Ein stabiles Umfeld

Er hat Freund*innen, die selbstverständlich auf den Hund aufpassen können, wenn ihr ins Kino geht. Verantwortungsvolle Beziehungen im Umfeld sind meist ein sehr gutes Zeichen. (Und statistisch (meine eigene Statistik) ein geringes Incel-Risiko.)

Das meiste lesen wir also oft intuitiv.

Dogfishing – wenn der Hund zur Masche wird

Wie bereits erwähnt zeigen Studien, dass besonders Männer mit Hund als vertrauenswürdiger und beziehungsorientierter wahrgenommen werden. Unser Gehirn zieht schnelle Schlüsse – und genau hier setzt Dogfishing an.

Gemeint ist das bewusste Nutzen fremder Hunde, auf Datingprofilen oder im echten Leben, um sensibel, fürsorglich und nahbar zu wirken. Nicht aus Tierliebe, sondern als Strategie. In Zeiten von Redpill-Ideologien, Incels und selbsternannten Pickup-Artists überrascht das eigentlich kaum.

Im Kern ist Dogfishing nichts anderes als eine klassische Manipulationstechnik: emotionale Abkürzungen schaffen, ohne sie wirklich zu leben.

Der Hund wird zur Requisite.

Fürsorglichkeit wird inszeniert – und verschwindet oft wieder, sobald Nähe hergestellt ist.

Dogfishing ist damit weniger ein neues Phänomen als eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen, nachzufragen und nicht jedes Signal ungeprüft zu glauben – gerade dann, wenn es besonders vertrauenswürdig wirkt.

Frauen, Hunde und Sicherheit

Für viele Frauen erfüllt der Hund heute noch eine weitere Funktion: Er schafft ein Gefühl von Sicherheit im öffentlichen Raum. Bei manchen Hunden mehr als bei anderen – mein Kleinpudel wirkt auch im Wutmodus eher niedlich als abschreckend.

Und doch ist der Hund für viele ganz bewusst kein Eisbrecher, sondern Distanzhalter.

Ein kurzes Kommando. Ein tiefes Bellen. Gefletschte Zähne als klare Grenze.

„Vorsicht, er beißt“ ist dabei weniger Drohung als Schutzmechanismus.

Der Hund übernimmt in solchen Momenten eine Rolle, die historisch vertraut ist: Er reguliert Nähe. Er entscheidet, wann Kontakt erwünscht ist – und wann nicht. Rechtlich darf ein Hund natürlich kein Werkzeug zur Bedrohung sein, doch Präsenz und Körpersprache wirken trotzdem.

Der Hund ist und war Statussymbol, Grenzmarker, Charakteranzeiger. Er ist Gesprächsstarter, Sicherheitsgefühl und Beziehungsfilter zugleich. Vielleicht sprechen wir Menschen mit Hund deshalb so leicht an: nicht nur wegen der Niedlichkeit, sondern weil Hunde seit Jahrhunderten soziale Situationen strukturieren.

Marielle Plössl